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CD1, per 2008-12

ISO 26000 CD1, vom Dezember 2008

Dieser Abschnitt wendet sich an jedermann, der Interesse hat, zu einer letztlich erfolgreichen Entwicklung der ISO 26000 beizutragen; er wendet sich unter anderem an Organisationen, die die mögliche Anwendung der Beratungsnorm besser kennen lernen wollen und auch an Experten, die mit dem Erarbeiten von Kommentaren, Stellungnahmen oder Abstimmungen befasst sind, z.B. in Unternehmen, Verbänden, Organisationen von kleinen und mittleren Firmen, Regierungen oder ISO-Mitgliedsorganisationen.

Die angebotenen Informationen mögen nützlich sein. In keiner Weise ist beabsichtigt, die freie Meinungsbildung der Experten in nationalen Spiegelgremien zu beeinflussen.

Inhalt

1. ISO-Arbeitsschritte

2.  Komitee-Entwurf CD1

      2.1 Stärken des CD1

     2.2 Sorgen zu CD1

                2.2.1 ISO 26000 sollte Optionen zur Auswahl bieten

           2.2.2 Nutzerbefragung, Akzeptanz/Eignung

               2.2.3 Abgrenzung zwischen ISO 26000 und geltendem Recht

              2.2.4 Rolle der Regierungen, Rechtsetzungspraxis

3.  Einzelkommentare zum CD1 (Komitee-Entwurf 1)

4.  Abstimmungsmöglichkeiten

 

1 Die ISO-Arbeitsschritte sind folgende:

 

Stufe

 

Mitwirkende

New Work Item Proposal

NWIP

ISO Mitgliedsorganisationen (etwa 150), auch Nationalkomitees genannt

Working Draft

(Arbeitsentwurf)

WD*

Experten der Arbeitsgruppe (WG)

Committee Draft

(Komitee-Entwurf)

CD**

WG bittet Nationalkomitees um Kommentare; Nationalkomitees liefern Kommentare (oder Kommentare und Abstimmungen); WG Experten arbeiten die Kommentare ein

Draft International Standard

DIS***

Nationalkomitees  stimmen ab, ggf. incl. Kommentar; WG Experten arbeiten die Kommentare ein

Final Draft International Standard

FDIS****

Nationalkomitees  stimmen ab (nur JA, NEIN oder ENTHALTUNG; Kommentare sind nicht mehr zugelassen)

International Standard

IS

ISO veröffentlicht den Standard

Review/Maintenance

 

Gemäß ISO-Regeln: alle 5 Jahre

*Es kann mehr als einen WD geben; die WG SR arbeitete produktiv an den Entwürfen   WD1, WD2, WD3, WD4.1 und WD4.2 
**Es kann mehr als einen CD geben 
***Es kann mehr als einen DIS geben 
****Es gibt nur einen FDIS, weil Kommentare zuvor in der DIS-Stufe eingebracht werden konnten.

2 Komitee-Entwurf CD1:
diese Seite befasst sich mit dem CD1, wie er Mitte Dezember zur Verfügung gestellt wurde.
Das CD1-Dokument selbst kann vom ISO-Server herunter geladen werden unter   

www.iso.org/wgsr

Bitte studieren Sie dort herunterladbare  2-Megabyte-Dokument (100 Seiten), bevor Sie mit der Lektüre fortsetzen.

Der wesentliche Inhalt:

1 Anwendungsbreich (Scope, was in der Beratungsnorm behandelt wird, und was nicht)

 2 Begriffe und Definitionen (Terms and definitions); 3 Seiten

3 Verständnis gesellschaftlicher Verantwortung (Understanding social responsibility (behandelt u.a.
   Trends und besondere Merkmale, sowie die Rolle des Staates( das letztere nicht zufrieden stellend));
   3 Seiten

4 Prinzipien (Principles, wie Verantwortlichkeit, Transparenz, ethisches Verhalten, Beachtung von
   Gesetzen und internationalen Verhaltensnormen, sowie Menschenrechte); 4 Seiten

5 Anerkennung/Beachtung gesellschaftlicher Verantwortung und Einbeziehung betroffener Kreise
   (Recognizing social responsibility and engaging stakeholders)
; 3 Seiten

6 Empfehlungen zu Kernpunkten (Guidance on core subjects, wie Organisationsführung, Menschenrechte, Arbeitspraktiken, Umwelt, faire Verfahrenspraktiken, Verbraucher-Anliegen, sowie das Einbezogensein in die Gesellschaft und deren Förderung); 40 Seiten

7 Empfehlungen/Anleitung zur Integration gesellschaftlicher Verantwortung in die Organisation
   (
Guidance on integrating social responsibility into an organization), 14 Seiten

 

2.1 CD1 Stärken: die Stärken des CD1 sind im Wesentlichen 

  • Die Transparenz der ISO-Arbeitsverfahren; dies ist eine gute Voraussetzung für die spätere globale Akzeptanz der Beratungsnorm
  • Die umfassende Einbeziehung von über 400 Experten und Beobachtern aus mehr als 80 Ländern und von allen „Betroffenen Kreisen“ (Stakeholdern)
  • Ein Management der gruppeninternen Arbeitsverfahren, das zu internationalem Konsens geführt hat (wobei Konsens bedeutet, dass keine ablehnenden Stimmen mehr aufrecht erhalten wurden; Konsens bedeutet nicht notwendigerweise Einstimmigkeit)
  • Eine hocheffiziente IDTF (Integrated Drafting Task Force) unter der brillanten Führung von Jonathon Hanks aus Südafrika
  • Eine öffentlichkeitswirksame „Promotion“, die das Projekt sehr weit bekannt gemacht hat, einschließlich zugehöriger Erwartungen.

Diese ISO-Arbeitsumgebung ist einzigartig; keine andere Organisation hätte unter den gegebenen Randbedingungen (wie Komplexität der SR-Inhalte, Größe der Arbeitsgruppe, Vertretung verschiedner “Stakeholder”, Termindruck) größeren Fortschritt erreichen oder einen besseren Komitee-Entwurf erarbeiten können.

2.2 CD1 Sorgen: dennoch gibt es einige ernste Sorgenpunkte; sie werden hoffentlich bei der weiteren Entwicklung des Entwurfes berücksichtigt, damit ein möglichst großer „Markterfolg“ der ISO 26000 erreicht wird.

2.2.1 ISO 26000 sollte Optionen zur Auswahl bieten 
Bedingt durch die vorgegebene Aufgabenstellung beschreibt Abschnitt 6 des CD1 mehr oder weniger einen allumfassenden Satz möglicher Aktionspunkte zu sozialer Verantwortung. Wie im New Work Item Proposal (
NWIP) verlangt, ist der Sprachgebrauch “sollte”. Im Abschnitt SR-Dynamik dieser Website werden praxisbezogene Überlegungen angestellt, wie individuell und spezifisch jede Organisation ist. Daraus lässt sich ableiten, dass es nicht sehr logisch erscheint, dass alle Aktionspunkte für alle Organisationen zutreffend/einschlägig sein sollen: das kann in der Praxis nicht funktionieren.
Siehe auch Abschnitt „Standards im Umfeld von ISO 26000“.

Es ist nicht verwunderlich, dass einige in der Arbeitsgruppe vertretenen Kreise erreichen wollten, dass alle Empfehlungen (Anleitungen, „guidance“) für alle Organisationen wirksam sind, aber das führte zu ernstem Widerspruch. Das Ergebnis ist nun, dass alle Kernpunkte (core subjects) für alle Organisationen wirksam sein sollen, nicht aber alle Aktionspunkte (issues), die unter einem Kernpunkt genannt sind, während an anderen Stellen gesagt wird, dass die Organisationen die relevanten Kern- und Aktionspunkte bestimmen sollen.

Dieser Widerspruch, besonders zwischen den Abschnitten 6 und 7 muss begründet werden und alle Stellen, die die Anwendbarkeit der Kernpunkte behandeln, sollten klarstellen, dass es die Organisation ist, die die für sie anwendbaren Kernpunkte bestimmt. Auch sollte gesagt werden, dass eine Organisation darlegen können sollte, weshalb die Empfehlungen zu einem Kernpunkt für sie nicht relevant sind.

Zusätzlich wäre es angebracht, eine entsprechende Relevanzbestimmungsaussage im Abschnitt „1 Anwendungsbereich“ (Scope, normativ) nieder zu legen, denn der Abschnitt Einleitung hat in einer ISO-Norm immer nur Erläuterungscharakter, ist also nur informativ.

Vorschlag: am Ende von Kapitel 1 „Anwendungsbereich“ (Scope) einen Satz anfügen:
„Dieser Internationale Standard beschreibt Empfehlungen zu einen umfassenden Satz von Kern- und  Aktionspunkten, von denen eine Organisation - in Würdigung ihrer aktuellen Lage -  die für sie einschlägigen bestimmen soll.“

2.2.2 Nutzerbefragung, Akzeptanz/Eignung

Der vorliegende CD1 ist das Arbeitsergebnis von ca. 400 Experten, von denen jeder seine eigenen Ansichten, Erfahrungen und Zielsetzungen mitbringt. Experten werden von den ISO-Mitgliedsorganisationen delegiert; bzgl. ihrer Fachbeiträge handeln sie in freier souveräner Entscheidung. Zusätzlich wird davon ausgegangen, dass sie die Sichtweisen ihrer entsendenden Organisation einbringen, also z.B. diejenigen eines schwedischen Autoherstellers oder diejenigen einer brasilianischen Verbraucherorganisation. Aufgrund dieses Vorgehens konnte die breitere Öffentlichkeit nicht zu Rate gezogen werden; auch konnte bei den Arbeiten eine Analyse der möglichen Nutzer und ihrer Erwartungen nicht berücksichtigt werden (siehe Schätzung der potentiellen Nutzer).

Vorschlag 1: Durchführung einer umfassenden professionellen Nutzerbefragung, Auswertung der Ergebnisse und ihre Einbeziehung in die weiteren Entwicklungsarbeiten.
Eine gute Basis für diese Nutzerbefragung könnte die nächste Entwurfsfassung sein, in die alle Kommentare zum CD1 eingearbeitet wurden (das führt quasi zu einem „CD1+“), bevor ein CD2 oder DIS den ISO-Mitgliedsorganisationen zur nächsten Runde von Kommentaren und Abstimmungen angeboten wird.

Vorschlag 2: Eine einfache und schnelle Befragung zum möglichen Nutzen der ISO 26000, falls keine größeren Änderungen am derzeitigen Entwurf mehr vorgenommen werden, wird aktuell durchgeführt, siehe den Link
Quick user survey. Ihre Teilnahme ist sehr wertvoll und benötigt nur 5 Minuten Ihrer kostbaren Zeit.

Wie im Abschnitt „Standards im Umfeld von ISO 26000” ausgeführt, wird die ISO 26000 auf hunderte (oder tausende?) anderer Standards und Initiativen treffen (viele darunter sind von gleicher Glaubwürdigkeit!) und besser und attraktiver sein müssen, wenn sie eine führende Rolle erreichen und bewahren soll. Dabei geht es vor allem um Umfang, Inhalt, Wortwahl und Ton.

Die meisten anderen Standards sind kurz und bündig und haben mehr oder weniger 8 Seiten, der CD1 hat etwas über 100. Andere Standards befleißigen sich einer motivierenden und fördernden Sprache, die CD1 auch, neigt allerdings mit viel zu vielen „sollte“ zu einem Lehrbuchcharakter. Ferner sollte jeglicher unterstellender Ton vermieden werden: z.B. findet sich in Box 1 zu „ISO 26000 und kleine/mittlere Organisationen (SMOs)“ der Satz

„Natürlich kann es einer Organisation nicht möglich sein, die negativen Folgen
ihrer Entscheidungen und ihres Handelns sofort und vollständig zu heilen/beseitigen…..“

Dieser Satz unterstellt, dass kleine/mittlere Organisation Entscheidungen mit unabänderlichen negativen Folgen treffen. Es ist leicht zu erkennen, dass kleine und mittlere Organisationen gegen eine solche Verunglimpfung stärksten Protest einlegen werden. Solche Aussagen sind zudem geeignet, die ganze ISO 26000 bei SMOs in Misskredit zu bringen.

Vorschlag:
a) Das Dokument auf etwa 40 Seiten kürzen (was ohne Inhaltsverlust möglich ist)
b) Die vielen „sollte-Sätze“ überarbeiten und gegebene Variationsmöglichkeiten der Sprache nutzen
c) Das Dokument nochmals auf negativ unterstellende Aussagen überprüfen und diese neu formulieren.

2.2.3 Abgrenzung zwischen ISO 26000 und geltendem Recht
Diese Abgrenzung scheint nicht klar genug zum Ausdruck gebracht zu werden. Z.B. heißt es im Abschnitt 1 Anwendungsbereich („Scope“)

 “This International Standard encourages an organization to undertake activities that go beyond legal compliance, recognizing that compliance with law is a fundamental part of any organization’s social responsibility.“

“Diese Internationale Norm (ermuntert) fordert eine Organisation dazu auf, Tätigkeiten auszuführen, die über die gesetzlichen Anforderungen hinausgehen, zumal die Einhaltung von Gesetzen ein grundsätzlicher Bestandteil der
Sozialverantwortung jeder Organisation ist.“

Im Abschnitt 4.7 Beachtung internationaler Verhaltensnormen (Respect for international norms of behaviour) wird die Problematik auch angesprochen, doch werden mögliche Konflikte zwischen der ISO 26000 und geltendem Recht nicht behandelt. In vielen Ländern sind Teile der ISO 26000  schon gesetzlich geregelt, wenn auch in unterschiedlicher Tiefe, weshalb die Nutzer der ISO 26000 eine Erläuterung erwarten dürfen, wie deren Verhältnis zu gesetzlichen Vorschriften zu sehen ist.
Das Prinzip sollte sein, dass die Beratungsnorm nicht über den Rahmen von Gesetzgebung und Regulierung hinausgeht und das keine Konflikte mit der höherwertigen Gesetzgebung und Regulierung entstehen können.

Vorschlag: am Ende von Abschnitt 1 Anwendungsbereich (Scope) einen klaren Satz dieses Wortlautes anfügen
„Sollte die Umsetzung der in dieser Norm angebotenen Empfehlungen zu Konflikten mit geltendem Recht führen, hat die Befolgung geltenden Rechts Vorrang.“

2.2.4 Rolle von Regierungen

Die Aufgabenstellung des Projektes (siehe New Work Item Proposal) verlangt, dass die ISO 26000 für alle Organisationen anwendbar ist, unabhängig von Art, Größe und Ort. Das schließt Regierungen als eine Art der Organisationen ein.
Im CD1 werden keine Empfehlungen gegeben, wie ein wirksamer Grund-Rechtsrahmen geschaffen und in Kraft gesetzt werden sollte, als Voraussetzung für eine mögliche aktiv ausgeübte Sozialverantwortung.
Und dies trotz der
allgemeinen Kenntnis, dass die in vielen Ländern fehlende Grund-Gesetzgebung einschließlich ihrer Durchsetzungsmechanismen eine Hauptursache für unsoziales Verhalten ist, weil Organisationen dann das regulatorische Vakuum leicht missbräuchlich nutzen können.

Zitat aus CD1, Einleitung, Paragraph 6:
 “Governmental organizations may wish to use this International Standard. However, it is not intended to replace, alter or in any way change the obligations of the State.” 
“Regierungsorganisationen können diese Internationale Norm gerne anwenden. Es ist allerdings nicht beabsichtigt (oder besser: diese Norm hat aber nicht den Zweck), an den Pflichten des Staates in irgendeiner Weise etwas zu ändern.“ 

Zitat aus 3.4 The state and social responsibility
This International Standard cannot replace, alter or in any way change the duty of the state to express and act on the public interest. Because the state has the unique power to create and enforce laws, it is different from organizations. For instance, the duty of the state to protect human rights is different from those responsibilities of organizations with respect to human rights that are addressed in this International Standard. 
Social responsibility of organizations is not and cannot be a substitute for the effective expression of state duties and responsibilities. This International Standard does not provide guidance on what should be subject to legally binding regulation. Neither is it intended to address questions that can only properly be resolved through political institutions.
Governmental organizations, like any other organizations, may, however, wish to use this International Standard to inform their policies and actions related to aspects of social responsibility.
Zu Deutsch in etwa:
Diese Internationale Beratungsnorm soll in keiner Weise die Pflicht des Staates bzgl. seines Handelns zum Wohle der Öffentlichkeit ersetzen oder ändern. Der Staat unterscheidet sich von anderen Organisationen, weil er allein die Befugnis/Macht hat, Gesetze zu erlassen und in Kraft zu setzen. Z.B. unterscheidet sich die Pflicht des Staates zum Schutz der Menschenrechte von der Verantwortung von Organisationen für Menschenrechte, die in dieser Internationalen Norm angesprochen werden.
Die Sozialverantwortung von Organisationen ist und kann kein Ersatz sein für die wirksame Ausübung von Staatspflichten und –verantwortlichkeiten. Diese Internationale Norm stellt keine Empfehlungen zur Verfügung, was gesetzlich verbindlicher Regelung unterliegen sollte. Auch ist nicht vorgesehen, Fragen/Themen anzusprechen, die nur durch politische Institutionen ordentlich gelöst werden können.
Regierungsorganisationen können jedoch, wenn sie wollen, wie jede andere Organisation von dieser Internationalen Norm Gebrauch machen als (Grund-)Information für ihre auf soziale Verantwortung bezogene Politik und Handlungsweise.

Auf den ersten Blick ist das verständlich, beim zweiten Hinschauen aber wird die Chance vertan, auch Empfehlungen für Regierungen zu geben: die Anwendung von ISO-Normen ist freiwillig und die ISO 26000 kann sehr wohl Wert auf Empfehlungen legen, wie eine Rechtsordnung gestaltet wird, die soziale Aspekte in Gesetze und Durchführungsverordnungen einbezieht und wie ihre wirksame Inkraftsetzung aussehen  sollte; dies besonders vor dem Hintergrund des eben erwähnten Vakuums und seiner möglichen missbräuchlichen Nutzung.

In diesem Zusammenhang ist es nützlich, einmal den “Failed State Index 2008 anzusehen, siehe
http://www.foreignpolicy.com/story/cms.php?story_id=4350&page=1.  Dieser Index listet Länder nach folgenden Kriterien (“indicators of instability”):

  • Zwänge der demographischen Entwicklung (demographic pressure)
  • Flüchtlinge und Vertriebene (refugees and displaced persons)
  • Beschwerdemöglichkeiten für Gruppen der Bevölkerung (group grievance)
  • Menschen auf der Flucht (human flight)
  • Unausgewogene Entwicklung (uneven development)
  • Wirtschaft (economy)
  • Verlust der Rechtmäßigkeit der Regierung (de-legitimization of state)
  • Öffentliche Dienste (public services)
  • Menschenrechte (human rights)
  • Staatliche Sicherheitsdienste (security services)
  • Innere Gespaltenheit einflussreicher Gruppierungen (factionalized elites)
  • Eingriffe von außen (external intervention).

Diese Matrix zeigt etwa 60 meist Entwicklungsländer und ohne jede Überraschung schneidet in 2008 SOMALIA am schlechtesten ab.  Die Übersicht erlaubt folgende Interpretation:

  • Je weniger der Staat seiner Gesetzgebungspflicht nachkommt, desto schlechter sind sozialer Status und Wohlstand der Bevölkerung
  • Je schwächer die Gesetze eines Staates ausgebildet sind, desto weniger wirksam sind SR-Aktivitäten
  • Wenn es keinen angemessenen Grundrechte-Rahmen gibt, können SR-Handlungen nicht von Dauer sein.

Weiter kann gefolgert werden:

SR-Maßnahmen werden dort am meisten benötigt, wo die Regierungen die Verabschiedung eines allgemeinen gesetzlichen Regelwerkes (d.h. Verfassung und Grundrechte) vernachlässigt haben.

Die Kenntnis ein paar anderer Beispiele ist in diesem Zusammenhang nützlich

  • Das Abholzen des brasilianischen Regenwaldes wird kontinuierlich fortgesetzt, allein von Juli 2007 bis August 2008 waren es 12.000 Quadratkilometer; als Folge wird dieses Ökosystem binnen weniger Jahrzehnte kollabieren. Die Regierung erlaubt das.
  • Das Abholzen des indonesischen Regenwaldes wird in einem Maße fortgesetzt, dass um das Jahr 2022 schon 98% zerstört sein werden; auf die Fläche werden Palmen gepflanzt, deren Öl per Export für die Produktion von Biokraftstoffen verwendet wird; die Regierung lässt es zu.
  • Einige Regierungen haben das Kyoto-Protokoll immer noch nicht unterzeichnet.
  • Während 932 Millionen Menschen hungern, werden Mais und Weizen zu Biokraftstoff verarbeitet;
    viele Regierungen erlauben dies.
  • Die Regierung von Zimbabwe ruiniert die Wirtschaft des Landes und niemand scheint fähig zu sein, die Bevölkerung von ihren Leiden zu befreien; andere Regierungen lassen das zu.

Und: es gibt einen bemerkenswerten Unterschied bei der dauerhaften Wirkung von SR-Maßnahmen:

 SR-Maßnahmen seitens der Regierungen“ sind von Dauer: die oberste Pflicht von Regierungen ist das Erlassen von Gesetzen und Durchführungsverordnungen zum Schutz der Bürger – einschließlich der SR-Rahmenbedingungen – und dafür zu sorgen, dass sie dauerhaft beachtet und angewendet werden sowie der Aufbau einer Infrastruktur, die Gesetzesverstöße ahndet.

„SR-Maßnahmen Anderer“ sind temporär: wenn z.B. eine Firma aktiv zu den SR-Maßnahmen eines Landes beiträgt und das Land verlassen muss (möglicherweise aus wirtschaftlichen oder politischen Gründen), dann gehen all ihre SR-Aktionen und Investitionen wieder auf Null und sind sozusagen für die gesellschaftliche Entwicklung verloren.

Tatsache ist, dass Organisationen außer den  Regierungen (wie Industrie, Dienstleistungsunternehmen oder
Nicht-Regierungsorganisationen (NGO)) die Regierungen nicht ersetzen können.

Kein SR-Standard kann Staatsversagen  heilen.

Vorschlag: das breitere Voranbringen von sozialer Verantwortung (Social Responsibility, SR) kann durch ISO gestärkt werden, indem in die Beratungsnorm Empfehlungen für Regierungen einbezogen werden, wie wirksame Grundrechtssysteme und ihre Inkraftsetzungsmechanismen aufgebaut werden.

3      Einzelkommentare zum CD1 (Komitee-Entwurf 1)

Es ist bewährte ISO-Praxis, Kommentare auf einem Formblatt (template) zu verlangen, damit alle erhaltenen Kommentare leicht geordnet und zusammengestellt werden können. So können alle Kommentare zu einer Zeile nacheinander aufgelistet und gemeinsam bearbeitet werden.

Der Vorschlag des Autors (dieser Website) zur Kommentierung (in englischer Sprache) kann unter diesem Link heruntergeladen werden (dauert eine Schrecksekunde). Es ist ein Word-Dokument von 18 Seiten.

Auch die Lektüre der “Schlüsselthemen” (key issues) der ISG (Industry Stakeholder Group) ist sehr wertvoll.

 

 4     Abstimmungsmöglichkeiten
Die nationalen ISO-Mitgliedsorganisationen haben das Recht und die Pflicht, sich an Abstimmungen zu beteiligen. Die „Stimme“ ist von der ISO-Mitgliedsorganisation formal an das ISO-Zentralsekretariat zu senden: in Deutschland durch das DIN, in Frankreich durch AFNOR, in Kolumbien durch ICONTEC, u.s.w.; siehe auch
http://www.iso.org/iso/iso_members

Normalerweise gibt es bei einer ISO-Mitgliedsorganisation ein sog. „Spiegelkomitee“ für die Arbeitsgruppe „Soziale Verantwortung“ (WG SR), das eine ausgeglichene Besetzung durch die sog. “betroffenen Kreise” (stakeholder, nicht die „interessierten“ Kreise!) aufweisen sollte. Seine wesentlichen Funktionen sind die Benennung der Experten und Beobachter für die WG SR, die Anhörung und Abwägung der Stakeholderstandpunkte und schließlich die Konsensfindung für die nationale Stimmabgabe (was nicht notwendigerweise Einstimmigkeit bedeutet).

Die allgemeinen Abstimmungsmöglichkeiten sind:

  • Zustimmung bedeutet, dass man mit dem CD1 zufrieden ist und den Schritt zur nächsten Stufe Draft International Standard (DIS) befürwortet; Zustimmung lässt erkennen, dass das Spiegelkomitee dazu Konsens erreicht hat.
    Die Zustimmung kann mit Kommentaren versehen werden.
     
  • Enthaltung bedeutet, dass das Spiegelkomitee keinen wirklichen Konsens im Sinne eines JA oder NEIN gefunden hat und sich folglich darin einig war (oder der Vorsitzende hatte so beschlossen), sich zu enthalten.
    Eine Enthaltung kann mit Kommentaren versehen werden.
     
  • Ablehnung bedeutet, dass das Spiegelkomitee sich einig war (Konsens gefunden hat), mit dem CD1 nicht zufrieden zu sein; in diesem Fall müssen Kommentare abgegeben werden, die die Gründe für die Ablehnung beschreiben und konkrete Vorschläge enthalten für Änderungen, Ergänzungen oder Verbesserungen des Komitee-Entwurfes 1.

Die Verfahrensregeln (Operating Procedures) der WG SR fordern die Spiegelkomitees dazu auf, in jedem Fall Kommentare abzugeben – eine gute Aufforderung.
Oft haben die nationalen Spiegelkomitees ihre eigenen Arbeitsverfahren verabschiedet, einschließlich ihrer Art der Konsensfindung.

Wie dem auch sei, nur die nationalen ISO-Mitgliedsorganisationen und ihre Spiegelkomitees haben die Berechtigung, über ihre Abstimmung zu entscheiden und ihre Stimme abzugeben, d.h. den CD1 mit der Aufgabenstellung zu vergleichen, die im Annex A des NWIP New Work Item Proposal niedergelegt ist und unter anderem zu beurteilen, ob der CD1

  • assists organizations in addressing their social responsibilities while respecting cultural, societal, environmental and legal differences and economic development conditions;
    Organisationen hilft, ihre sozialen Verpflichtungen anzugehen, wobei Unterschiede in Kulturen, Gesellschaften, der Umwelt und den Randbedingungen der wirtschaftlichen Entwicklung zu beachten sind;
     
  • provides practical guidance related to a) operationalizing social responsibility, b) identifying and engaging with stakeholders, and c) enhancing credibility of reports and claims made about social responsibility;
    praktische Empfehlungen bietet zu a) wie soziale Verantwortung in der täglichen Praxis umgesetzt werden kann, b) wie die betroffenen Kreise (stakeholder) festgestellt und einbezogen werden können, und c) wie die Glaubwürdigkeit von Berichten und Aussagen zur sozialen Verantwortung erhöht werden kann
     
  • emphasizes performance results and improvement;
    großen Wert auf  Leistungsergebnisse und Verbesserungen legt
     
  • increases confidence and satisfaction in organizations among their customers and other stakeholders; 
    das Vertrauen in und die Zufriedenheit mit der Organisation bei Kunden und anderen betroffenen Kreisen (Stakeholdern) steigert
     
  • is consistent with, and not in conflict with, existing documents, international treaties and conventions and existing ISO standards;
    verträglich mit und widerspruchsfrei zu bestehenden Dokumenten, internationalen Verträgen und Konventionen sowie bestehenden ISO-Normen ist
     
  • is not intended to reduce government's authority to address the social responsibility of organizations;
    nicht die Zielsetzung verfolgt, die Kompetenz (authority) von Regierungen zur Regelung der sozialen Verantwortung von Organisationen einzuschränken
     
  • promotes common terminology in the social responsibility field; and
    die allgemeinverständliche (gemeinsame) Terminologie auf dem Gebiet der sozialen Verantwortung fördert; und
     
  • broadens awareness of social responsibility.
    das Bewusstsein für soziale Verantwortung erweitert.

(Diese Strichkennungen sind dem NWIP Annex A point 1, “Scope of the standard”, entnommen).

Ferner sollen die nationalen ISO-Mitgliedsorganisationen die “Anwendbarkeit” beurteilen, wie im Punkt 3 des Annex A ausgesagt:

  • The standard should be applicable by all types of organizations. (e.g. regardless of their size, location, the nature of their activities and products, and the culture, society and environment in which they carry out their activities.)
    Dieser Standard soll für alle Organisationen anwendbar sein, unabhängig von ihrer Größe, ihrem Sitz, der Art ihrer Tätigkeit und ihrer Produkte sowie von der Kultur, der Gesellschaft und dem Umfeld, in dem sie ihre Tätigkeiten ausüben.

Und, bezugnehmend auf Annex B, klein c) sollen die nationalen ISO-Mitgliedsorganisationen die  Fähigkeiten/Möglichkeiten (feasibility) der ISO-Norm beurteilen bzgl.

  • limiting the proliferation of  SR sector standards;
    der Eingrenzung der Verbreitung von Sektor-/Branchenstandards zur sozialen Verantwortung

Schließlich, gemäß Annex B, klein f) “Nutzen”, sollen die nationalen ISO-Mitgliedsorganisationen entscheiden, ob die ISO-Norm

  • facilitate trade liberalization and remove trade barriers (implement open and fair trade); and
    Handelserleichterungen bringen wird und zum Abbau von Handelshemmnissen beiträgt (offenen und fairen Handel erreicht); und
     
  • complement [remark: the original text says “compliment”] and avoid conflicts with other existing SR standards and requirements.
    andere existierende SR-Standards ergänzt und Widersprüche zu ihnen vermeidet.

Diese Beurteilungen sollten die Basis für nationale Kommentare und Stimmabgaben sein. Intensive und gewissenhafte Arbeit der Spiegelkomitees wird Inhalt und Qualität der Beratungsnorm weiter voran bringen, sodass der nächste Entwurf sehr wohl ein DIS (Draft International Standard) sein kann.

 

Kommentare zu verfassen ist harte Arbeit,

und die vorgegebenen 3 Monate sind eine relativ kurze Zeit.

Möge diese Website dabei hilfreich sein.

 

 

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